Das gro

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LOWA
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Das gro

Post by LOWA » 3. Mar 2008, 14:01

Das große Warten

Valentina (21) und Daniele (28) haben ihren Flieger um wenige Minuten verpasst. "Wir haben uns um drei Uhr von Camden Town aufgemacht", sagte die blonde Italienerin, "und sind um kurz nach sechs hier angekommen. Und dann wollte uns Ryanair nicht mehr einchecken lassen, obwohl unser Flugzeug nach Rom 40 Minuten Verspätung hatte!" Jetzt müssen sie bis zum nächsten Morgen warten für die nächste Maschine.

Denn in Stansted beginnt die Nacht früh. Von dem nordöstlich Londons gelegenen Flughafen starten schon kurz nach neun Uhr abends keine Flugzeuge mehr. So hektisch der Airport, der im Jahr rund 24 Millionen Passagiere bedient, tagsüber ist, so ruhig wird es auf einmal, nachdem die letzten Flüge rausgegangen sind. Auf der Nordostseite des Terminals kommen noch bis Mitternacht die Maschinen aus aller Welt an, dort ist noch Betrieb. Aber in der Südwestecke, dort wo sich die Check-In-Schalter befinden, wird das Licht gedimmt und das große Warten beginnt. Stansted, der drittgrößte Flughafen Großbritanniens, ist die Heimat der Budget-Airlines. Nur wenige Langstreckenflüge werden angeboten, der Rest ist Charter und vor allem: Billigfluglinien.

Man könnte sogar sagen, dass diese Form des Reisens ihren weltweiten Siegeszug in Stansted angetreten hat. Zwar hat Ryanair das Geschäftsmodell aus den USA kopiert, aber erst hier in Stansted wurde es richtig ausgebaut und später dann in ganz Europa nachgeahmt.

In den letzten zehn Jahren sind die Passagierzahlen explodiert. Gab es im Jahr 2000 noch 12 Millionen Fluggäste, die durch Stansted passierten, waren es fünf Jahre später schon knapp 22 Millionen. Heute sind es noch einmal zwei Millionen mehr.

Ryanair und Easyjet sind die Platzhirsche unter den Budget-Airlines, aber auch Air Berlin und Germanwings haben Stansted zu ihrem britischen "Hub", ihrem Drehkreuz, gemacht. Deren Kunden sind oft junge Leute, die niedrige Preise höher schätzen als Bequemlichkeit. Da es keine - oder nur zu teure - Übernachtungsmöglichkeiten gibt, verbringen hier viele Jugendliche die Nacht, um ihren Flug am nächsten Morgen zu erwischen. Sie schlafen auf dem Boden oder, wenn sie Glück haben, auf einer der wenigen Sitzbänke.

Wie vertreibt man sich die Nacht in Stansted? "Naja, viel ist hier nicht los", meint Daniele. "Wir haben im Internet nachgeschaut", sagt seine Freundin, "das kostet hier ein Pfund für zehn Minuten, das ist ja verrückt." Auch ein Hotelzimmer zu nehmen, wäre für das Paar viel zu teuer - kein Wunder, denn britische Hotels sind eher kostspielig, bei 70 Pfund, rund 100 Euro, fängt der Spaß an. Also bleibt man hier.

Terry (24) und Bianca (20) sind am frühen Abend vom italienischen Forli bei Bologna eingeflogen und müssen auf ihren Anschlussflug nach Berlin warten - und der geht erst um halb sechs Uhr in der Früh. Die beiden haben bereits Erfahrung mit dieser Art des Reisens. "Wir haben das schon zwei Mal gemacht", sagt Terry, "es ist am billigsten." Auch sie haben für ein Hotel kein Geld und machen sich es daher auf den Steinfliesen bequem - so gut das eben geht. "Mir ist kalt", meint Bianca. "Zieh meinen Pullover an", sagt Terry. "Ich glaub nicht", seufzt die hübsche Italienerin, "dass ich einschlafen kann."

An Schlaf denken die vier jungen Mädchen auf den blauen Sitzbänken überhaupt nicht. Mai, Cidgi, Aurore und Laura, alle 15 Jahre alt, gehören zu einer 24-köpfigen französischen Schulklasse aus Biarritz. Sie kamen um 18 Uhr in Stansted an und müssen jetzt zwölf Stunden warten bis die Maschine nach Dublin abfliegt. Einen zweiwöchigen Schulausflug in Irland haben sie vor sich - die Mädchen sind so begeistert, dass ihnen die Zeit nicht lang wird. Es ist das erste Mal für sie im Ausland. "Vielleicht können wir später schlafen", sagt Mai. "Vielleicht spielen wir auch Karten", findet Cidgi.

Fad ist für sie der erzwungene Aufenthalt im Flughafen überhaupt nicht. "Ich finde es hier einfach aufregend", meint Laura. Die drei Lehrerinnen, die sie begleiten, sind weniger begeistert. Ihr Ryan-air-Flug aus Biarritz kam so spät in Stansted an, dass die Gruppe den Anschlussflug, auch von Ryanair, nicht mehr erreichen konnte. "Das heißt", beschwert sich Madame Natalie, "dass wir erstens die Nacht hier verbringen und zweitens draufzahlen müssen. Als wir gebucht haben, hat man uns nicht gesagt, dass es Probleme mit dem Anschluss geben könnte." Mehr als 3000 Euro kostete es die Klasse, um für den Flug um 6 Uhr nach Dublin umzubuchen. Man will sich das Geld von Ryanair zurückholen. Na dann, viel Glück. Die Fluggesellschaft hat keinen guten Ruf, wenn es zu Kompensationszahlungen wegen Verspätung kommt.

Die 20-jährige Hannah hat es sich so gut es geht auf den Sitzbänken bequem gemacht. Das ist nicht einfach, denn sie muss ihre Kniee um die Armlehnen herumknoten. Sie kam heute aus Brüssel zurück und will morgen früh den Zug nach Exeter erwischen. Eine Nachtschicht in Stansted hatte sie schon beim Hinflug am letzten Donnerstag hinter sich gebracht. "Meine Bahnkarte, um hierher und wieder zurück zu kommen, war ein Super-Saver-Ticket", erklärt die Studentin, "und deswegen darf ich nur zu bestimmten Zeiten fahren. Das bedeutet, dass ich mir die Zeit am Flughafen um die Ohren schlagen muss. Aber mir macht das wenig aus. Für jemanden, der viel Schlaf braucht, wäre das wohl nichts."

Am nächsten Mittag muss Hannah für eine Französisch-Vorlesung wieder an der Uni in Exeter sei - "wenigstens im Zug", ist sie überzeugt, "kann ich für ein Stündchen die Augen zumachen." Q


Quelle: "Der Standard" vom 01.03.2008
Glück ab, gut Land!

LOWA - Wien's einstiger Flughafen, 1912 - 1977

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